Cloud & Nextcloud

Mecklenburg-Vorpommern ersetzt Microsoft SharePoint durch Nextcloud

Mecklenburg-Vorpommern zeigt, wie digitale Souveränität in der Praxis aussieht: Der Wechsel von Microsoft SharePoint zu Nextcloud betrifft bereits tausende Verwaltungsmitarbeitende und soll langfristig auf über 50.000 wachsen – begleitet von einer eigenen europäischen KI-Strategie. Der Artikel erklärt Hintergründe, Details der Migration und zeigt, welche konkreten Fragen sich auch kleine Unternehmen jetzt stellen sollten.

▣ 07. Juli 2026 ◷ 5 Min. Lesezeit André Winkelmann
Mecklenburg-Vorpommern ersetzt Microsoft SharePoint durch Nextcloud: Was steckt dahinter – und was bedeutet das für kleine Unternehmen? Dieses Bild ist AI generated.
AI generated: KI-generierte Illustration.

Manchmal beginnt ein großer Wandel nicht mit einer lauten Ankündigung, sondern mit einem einzigen Satz in einer Pressemitteilung. Genau so war es bei Mecklenburg-Vorpommern. Das Bundesland hat begonnen, seine komplette Verwaltung schrittweise von Microsoft SharePoint auf eine Open-Source-Plattform auf Basis von Nextcloud umzustellen – und zwar nicht als Ankündigung für die ferne Zukunft, sondern als bereits laufendes Projekt.

Die ersten 5.000 Beschäftigten arbeiten inzwischen aktiv mit der neuen Plattform. Langfristig soll sie mehr als 50.000 Mitarbeitende in Landes- und Kommunalverwaltungen erreichen. Betrieben wird die gesamte Lösung nicht bei einem US-Konzern, sondern beim landeseigenen IT-Dienstleister DVZ M-V GmbH – auf eigener Infrastruktur, unter eigener Kontrolle.

Was diese Geschichte so interessant macht: Sie ist kein Pilotprojekt, das irgendwann leise wieder verschwindet. CIO Marco Anschütz beschreibt den bisherigen Umstieg als reibungslos und ohne Datenverluste verlaufen. Das ist bemerkenswert, denn genau an solchen Details – verschwundenen Zugriffsrechten, kaputten Dateiformaten oder verlorenen Berechtigungshistorien – scheitern Migrationen in der Praxis besonders häufig. It-Boltwise

Warum ausgerechnet SharePoint der erste Schritt ist

Microsoft SharePoint gehört in vielen Organisationen zu den unsichtbaren Fundamenten des Arbeitsalltags. Dateiablage, Freigaben, interne Prozesse – vieles läuft im Hintergrund über SharePoint, ohne dass man es bewusst wahrnimmt. Genau darin liegt aber auch das Problem: SharePoint ist selten ein einzelner Dienst. Wer SharePoint nutzt, hängt in der Regel gleichzeitig an Microsoft 365, OneDrive, Teams, Exchange Online und weiteren, tief verzahnten Bausteinen.

Aus einer praktischen Einzellösung wird so schnell eine komplette Plattformabhängigkeit. Genau diesen Punkt will Mecklenburg-Vorpommern durchbrechen. Finanzminister Heiko Geue bezeichnet den Schritt als einen fundamentalen Baustein auf dem Weg zur digitalen Unabhängigkeit. Unterstützung erhält das Projekt auch vom Landesdatenschutzbeauftragten Sebastian Schmidt, der die Migration ausdrücklich als Gewinn für die Datensicherheit einordnet.

Statt eines geschlossenen, proprietären Systems setzt das Land auf Nextcloud unter der Lizenz GNU AGPLv3 – also auf Software, deren Quellcode öffentlich einsehbar, prüfbar und weiterentwickelbar ist. Wer wissen will, was ein System wirklich tut, kann es nachvollziehen. Genau das ist bei geschlossener Software praktisch unmöglich.

Ein Projekt in Etappen, nicht über Nacht

Was das Vorhaben besonders glaubwürdig macht, ist das Tempo. Statt eines riskanten “Big Bang”, bei dem an einem Stichtag plötzlich alles neu ist, geht Mecklenburg-Vorpommern schrittweise vor. Zuerst wurde die reine Dateiablage konsolidiert. Erst danach folgen weitere Bausteine: Team-Chat, Videokonferenzen und Groupware-Funktionen, die Nextcloud von Haus aus mitbringt.

Diese Reihenfolge ist kein Zufall, sondern kluges Risikomanagement. Wer zu viele Baustellen gleichzeitig öffnet, riskiert genau die Fehler, an denen frühere Open-Source-Vorhaben in Behörden oft gescheitert sind: unklare Rollen- und Rechtekonzepte, inkonsistente Metadaten oder die Frage, wer langfristig Updates und Sicherheitslücken verantwortet. Weil DVZ M-V den Betrieb übernimmt, ist genau dieser typische Stolperstein von Anfang an geklärt.

Interessant ist außerdem eine bewusst konservative Entscheidung: Die Windows-Arbeitsplätze bleiben vorerst unangetastet. Ein flächendeckender Wechsel zu Linux auf dem Desktop steht derzeit nicht auf dem Plan. Das ist keine halbherzige Kompromisslösung, sondern nachvollziehbarer Pragmatismus – ein Wechsel des Betriebssystems auf zehntausenden Arbeitsplätzen wäre der teuerste und konfliktträchtigste Teil einer solchen Migration gewesen. Nextcloud lässt sich problemlos auch unter Windows nutzen. Erst das Fundament, dann irgendwann vielleicht der Unterbau.

Kein Alleingang: Der Norden zieht mit

Mecklenburg-Vorpommern steht mit diesem Kurs nicht allein da. Bereits seit Oktober 2025 kooperiert das Land eng mit Schleswig-Holstein, das eine ganz ähnliche Strategie verfolgt – inklusive einer eigenen Linux-Distribution und dem Rollout von LibreOffice, Nextcloud, Open-Xchange und Thunderbird auf geschätzt 25.000 bis 30.000 Arbeitsplätzen. Nextcloud-Gründer Frank Karlitschek ordnet solche Allianzen zwischen Bundesländern als entscheidend ein, damit Open Source im öffentlichen Sektor zur Regel wird statt zur Ausnahme zu bleiben.

Auch international bewegt sich einiges: Österreichs Ministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus hat bereits 2025 rund 1.200 Mitarbeitende auf eine Nextcloud- und LibreOffice-Lösung umgestellt. In Frankreich nutzt allein die Bildungsplattform der Region Île-de-France Nextcloud für mehr als 550.000 Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte und Verwaltungsangestellte, während das französische Bildungsministerium die Software bereits für 400.000 Beschäftigte ausgerollt hat – mit dem erklärten Ziel, perspektivisch alle 1,2 Millionen Mitarbeitenden zu erreichen. Digitale Souveränität ist also längst kein deutsches Nischenthema, sondern eine europaweite Bewegung.

Was kleine Unternehmen aus diesem Beispiel lernen können

An dieser Stelle könnte man denken: “Das betrifft nur Behörden, damit habe ich als kleines Unternehmen nichts zu tun.” Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Fragen, die hinter diesem Projekt stehen, sind für jeden Betrieb relevant – egal ob Handwerksfirma, Agentur, Arztpraxis oder Verein.

Digitale Souveränität ist kein abstraktes Politikwort. Sie beginnt bei sehr konkreten, fast schon banal wirkenden Fragen:

Welche Daten liegen ausschließlich in Microsoft 365, Google Workspace oder einer anderen US-Cloud?

Gibt es eine vollständige, wirklich unabhängige Sicherung dieser Daten?

Kann das Unternehmen Dokumente, Benutzerrechte und Projektstrukturen jederzeit sauber exportieren?

Existiert ein Notfallplan, falls ein Cloud-Dienst ausfällt, plötzlich teurer wird oder Funktionen ändert?

Welche Bereiche ließen sich mit Nextcloud, OpenProject, einem eigenen Linux-Server oder einem europäischen Hosting-Anbieter unabhängiger betreiben?

Diese Fragen kosten nichts – aber die Antworten können im Ernstfall über die Handlungsfähigkeit eines ganzen Betriebs entscheiden.

Nextcloud als Mittelweg – nicht als Kopie von SharePoint

Ein häufiges Missverständnis ist, Nextcloud als “Open-Source-SharePoint” zu betrachten. Das trifft die eigentliche Stärke der Software nur teilweise. Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Optik oder im Funktionsumfang, sondern in der Kontrolle: Nextcloud kann ein Unternehmen selbst betreiben, oder es lässt die Plattform bei einem europäischen Dienstleister betreuen – in beiden Fällen bleibt die Lösung exportierbar, migrierbar und anpassbar.

Typische Einsatzbereiche, die auch für kleine Unternehmen sofort nutzbar sind:

  • Gemeinsame Dateiablage mit klaren Rechten statt wildem Freigabe-Wirrwarr
  • Kalender und Kontakte, zentral statt über private Accounts verstreut
  • Dokumentenbearbeitung mit Office-Integration
  • Projektordner für Kunden, Teams und interne Vorhaben
  • Sicherer Dateiaustausch mit Kunden statt unübersichtlicher E-Mail-Anhänge
  • Mobile Synchronisation für unterwegs
  • Revisionsnahe Ablagestrukturen mit nachvollziehbaren Rechtekonzepten

Für kleine Unternehmen bedeutet das: mehr Kontrolle als bei einer reinen US-Cloud-Lösung, aber deutlich weniger Aufwand, als eine komplett eigene Plattform von Grund auf zu entwickeln. Genau dieser Mittelweg – zwischen totaler Auslagerung und totaler Eigenentwicklung – ist für die meisten Betriebe der realistischste Einstieg.

Digitale Souveränität heißt nicht: alles allein machen

Der wichtigste Punkt wird in der öffentlichen Debatte oft missverstanden. Es geht nicht darum, ob ein Unternehmen zwingend jeden einzelnen Dienst selbst hostet. Entscheidend ist etwas viel Praktischeres: Versteht ein Betrieb seine eigene IT, und bleibt er im Ernstfall handlungsfähig?

Digitale Souveränität lässt sich dabei auf sechs einfache Grundsätze herunterbrechen:

Die eigenen Daten kennen.

Die eigenen Abhängigkeiten kennen.

Funktionierende Backups besitzen.

Exportwege regelmäßig testen.

Alternativen im Vorfeld vorbereiten.

Nicht blind von einem einzigen Anbieter abhängig sein.

Diese sechs Punkte gelten für eine Landesverwaltung mit 50.000 Beschäftigten genauso wie für einen Handwerksbetrieb mit fünf Mitarbeitenden. Der Maßstab ist unterschiedlich, das Prinzip ist identisch.

Der nächste Schauplatz heißt Künstliche Intelligenz

Besonders spannend – und für die Zukunft vermutlich noch relevanter – ist ein Detail, das über die reine Kollaborationsplattform hinausgeht. Mecklenburg-Vorpommern entwickelt parallel einen eigenen KI-Chatbot namens “Lea”. Und dabei setzt das Land bewusst nicht auf die üblichen Verdächtigen: kein Microsoft, kein OpenAI, kein Google, kein Amazon. Stattdessen fallen Namen wie Mistral aus Frankreich oder Tilde aus Lettland – europäische Sprachmodelle als bewusste Alternative zu den US-Hyperscalern.

Ob diese Modelle im Alltag mit den etablierten US-Anbietern mithalten können, muss sich erst zeigen. Die Konsequenz der Entscheidung selbst ist aber bemerkenswert – deutlich konsequenter als das inzwischen häufig gehörte Muster “wir sind souverän, aber Azure läuft trotzdem im Hintergrund mit”.

Für Unternehmen zeichnet sich damit ein klares Muster ab: Nach Cloud-Speicher und Office-Anwendungen wird künstliche Intelligenz der nächste Bereich sein, in dem digitale Souveränität zur echten Entscheidung wird. Wer heute beginnt, KI-Tools in Büroprozesse zu integrieren, sollte sich schon jetzt ähnliche Fragen stellen wie das Land Mecklenburg-Vorpommern:

  • Welche Daten werden überhaupt an einen KI-Dienst übergeben?
  • Wo werden Prompts, Anfragen und Ergebnisse gespeichert?
  • Werden dabei möglicherweise Kundendaten verarbeitet?
  • Gibt es europäische oder lokal betreute Alternativen?
  • Lässt sich der Anbieter später ohne großen Aufwand wechseln?

Ein Trend, der sich europaweit verstärkt

Mecklenburg-Vorpommern ist längst kein Einzelfall mehr, sondern Teil eines größeren Musters. Erst im Juni 2026 haben Deutschland und Frankreich mit dem sogenannten “Deutschland-Stack” einen gemeinsamen Rahmen für digitale Souveränität definiert. Gleichzeitig positionieren sich deutsche Cloud-Anbieter wie StackIT, IONOS Cloud und die Open Telekom Cloud zunehmend als souveräne Alternativen für Hochsicherheitsanwendungen. In den Niederlanden verfolgt die Regierung sogar einen Kurs der “maximalen digitalen Souveränität” mit einer zentral verwalteten, europäisch kontrollierten Cloud auf Open-Source-Basis.

Gleichzeitig zeigen aktuelle Zahlen ein interessantes Detail am Rande: Nur etwa 4,5 Prozent der Microsoft-365-Kunden zahlen bislang tatsächlich für Copilot. Während Microsoft seine KI-Produkte weiter bündelt, rüsten Behörden und unabhängige Anbieter mit offenen Alternativen nach. Der Wettbewerb um digitale Unabhängigkeit ist damit längst keine Zukunftsvision mehr, sondern eine sehr gegenwärtige, sehr praktische Entwicklung.

Fazit: Ein guter Moment, die eigenen Abhängigkeiten zu prüfen

Mecklenburg-Vorpommern zeigt eindrucksvoll, dass sich digitale Souveränität nicht nur ankündigen, sondern tatsächlich umsetzen lässt. Der Wechsel von SharePoint zu Nextcloud betrifft schon heute tausende Arbeitsplätze und soll langfristig auf über 50.000 Mitarbeitende anwachsen – begleitet von einer eigenen, bewusst europäischen KI-Strategie.

Für kleine Unternehmen liegt die eigentliche Lehre nicht darin, morgen sofort Microsoft 365 abzuschalten. Die viel wichtigere Erkenntnis ist eine andere: Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, die eigenen Cloud-Abhängigkeiten ehrlich zu prüfen. Welche Daten, Prozesse und Kommunikationswege hängen aktuell an einem einzigen Anbieter? Wer diese Frage frühzeitig beantwortet, offene Alternativen kennt und funktionierende Backups besitzt, bleibt auch dann handlungsfähig, wenn sich die großen Plattformen einmal ändern, verteuern – oder schlicht nicht mehr wie gewohnt zur Verfügung stehen.