Europas KI-Boom wächst auf fremder Infrastruktur
Kurztext
Immer mehr europäische Unternehmen nutzen künstliche Intelligenz. Gleichzeitig warnt die EU davor, dass zentrale KI-Modelle, Cloud-Plattformen und Halbleiter weiterhin von wenigen außereuropäischen Anbietern kontrolliert werden. Für kleine Unternehmen entsteht daraus nicht nur eine politische, sondern auch eine wirtschaftliche Abhängigkeit.
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Europas Problem ist nicht die fehlende KI-Nutzung – sondern dass Modelle, Rechenleistung und Chips häufig außerhalb Europas kontrolliert werden.
Künstliche Intelligenz breitet sich in europäischen Unternehmen deutlich schneller aus als noch vor wenigen Jahren. Nach Angaben der Europäischen Kommission setzte 2025 bereits etwa jedes fünfte Unternehmen in der EU KI-Technologien ein. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg von 48 Prozent. Gleichzeitig verwendeten 46,7 Prozent der Unternehmen Cloud-Dienste und 39,9 Prozent Verfahren zur Datenanalyse.
Diese Entwicklung zeigt, dass KI längst nicht mehr nur in Forschungsabteilungen oder großen Technologiekonzernen eingesetzt wird. Auch kleine Unternehmen nutzen Übersetzungsdienste, Textassistenten, Bildgeneratoren, automatische Dokumentenanalyse oder KI-Funktionen innerhalb ihrer Bürosoftware.
Doch mit der schnelleren Nutzung wächst eine Abhängigkeit, auf die die Europäische Kommission im Bericht zum Stand der digitalen Dekade 2026 ausdrücklich hinweist.
Die KI wird europäisch genutzt, aber häufig nicht europäisch betrieben
Der Bericht stellt fest, dass Europa bei mehreren entscheidenden Ebenen der KI-Infrastruktur weiterhin stark von einer kleinen Zahl außereuropäischer Anbieter abhängig ist. Dazu gehören grundlegende KI-Modelle, Cloud-Umgebungen, in denen diese Modelle ausgeführt werden, sowie die Prozessor- und Halbleiterarchitekturen, die für das Training und den Betrieb der Systeme benötigt werden.
Damit entsteht eine mehrstufige Abhängigkeit. Ein europäisches Unternehmen kann eine KI-Anwendung entwickeln oder einsetzen, während das zugrunde liegende Modell, die benötigte Rechenleistung und ein großer Teil der Hardware von Unternehmen außerhalb der Europäischen Union stammen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Angebote unsicher oder ungeeignet sind. Viele internationale Cloud- und KI-Anbieter stellen leistungsfähige, komfortable und technisch ausgereifte Dienste bereit. Problematisch wird es jedoch, wenn Unternehmen keine realistische Ausweichmöglichkeit mehr besitzen.
Ändert ein Anbieter seine Preise, Nutzungsbedingungen, Schnittstellen oder Datenschutzregeln, müssen die Kunden diese Veränderungen häufig akzeptieren. Wird ein Dienst eingestellt oder technisch stark verändert, kann der Wechsel zu einer anderen Plattform teuer und aufwendig werden.
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Für kleine Unternehmen ist Abhängigkeit ein Geschäftsrisiko
Bei digitaler Souveränität geht es nicht darum, grundsätzlich auf amerikanische oder asiatische Software zu verzichten. Entscheidend ist, ob ein Unternehmen seine Arbeitsfähigkeit auch dann erhalten kann, wenn sich ein Dienst verändert oder nicht mehr zur Verfügung steht.
Gerade kleine Betriebe verfügen selten über eigene KI-Entwicklungsabteilungen. Sie verwenden fertige Cloud-Angebote und integrierte Assistenten. Dadurch können sie neue Technik schnell einsetzen, besitzen aber häufig nur wenig Kontrolle über die dahinterliegende Infrastruktur.
Besonders kritisch wird dies, wenn sensible Informationen verarbeitet werden. Dazu können Kundendaten, Angebote, Verträge, interne Kalkulationen, Personalinformationen oder technische Dokumentationen gehören. Unternehmen müssen daher nicht nur prüfen, was eine KI leisten kann, sondern auch, wohin die eingegebenen Daten übertragen werden und unter welchen Bedingungen sie dort verarbeitet werden.
Eine KI-Lösung ist nicht allein deshalb geeignet, weil sie gute Ergebnisse liefert. Unternehmen müssen ebenso verstehen, wo ihre Daten verarbeitet werden und wie sie diese später wieder aus dem System herausbekommen.
Der Preis ist nicht das einzige Auswahlkriterium
Viele KI-Dienste wirken zunächst günstig oder werden als Zusatzfunktion bestehender Software angeboten. Die langfristigen Kosten entstehen jedoch häufig erst durch die Bindung an ein bestimmtes System.
Wenn Arbeitsabläufe, Vorlagen, Automatisierungen und Dokumentensammlungen eng mit einer einzelnen Plattform verbunden sind, wird ein späterer Wechsel immer schwieriger. Unternehmen sollten deshalb frühzeitig darauf achten, ob Inhalte exportiert werden können, offene Dateiformate unterstützt werden und Schnittstellen dokumentiert sind.
Auch die Frage nach alternativen Betriebsmodellen wird wichtiger. Manche KI-Funktionen lassen sich vollständig lokal auf einem leistungsfähigen Arbeitsplatzrechner oder einem eigenen Server betreiben. Andere können über einen europäischen Hostinganbieter genutzt werden. Für viele Unternehmen bietet sich ein gemischtes Modell an: Allgemeine und wenig sensible Aufgaben werden über einen Cloud-Dienst verarbeitet, vertrauliche Informationen bleiben dagegen im eigenen Netzwerk oder in einer kontrollierten Umgebung.
Eine solche Aufteilung verhindert zwar nicht jede Abhängigkeit, reduziert aber das Risiko, dass alle Arbeitsabläufe von einem einzigen Anbieter abhängen.
Europa will eine eigene technische Grundlage schaffen
Die EU reagiert auf diese Situation unter anderem mit geplanten KI-Fabriken, zusätzlichen Rechenzentren, europäischen Cloud-Strukturen und dem vorgeschlagenen Cloud and AI Development Act. Ziel ist es, mehr Rechenkapazität innerhalb Europas bereitzustellen und europäischen Unternehmen den Zugang zu leistungsfähiger KI-Infrastruktur zu erleichtern.
Auch Open Source soll dabei eine größere Rolle spielen. Nach Ansicht der Europäischen Kommission können offene Systeme Abhängigkeiten reduzieren, weil Software überprüft, angepasst, von unterschiedlichen Dienstleistern betrieben und bei Bedarf auf eine andere Infrastruktur übertragen werden kann. Gleichzeitig weist die EU darauf hin, dass viele europäische Open-Source-Projekte noch Schwierigkeiten bei langfristiger Finanzierung, Wartung und industrieller Skalierung haben.
Open Source ist damit nicht automatisch eine vollständige europäische Lösung. Ein offenes KI-Modell kann beispielsweise weiterhin auf außereuropäischen Chips oder bei einem amerikanischen Cloud-Anbieter betrieben werden. Herkunft, Lizenz, Hosting und technische Kontrolle müssen deshalb getrennt betrachtet werden.
Die Bevölkerung unterstützt mehr europäische Kontrolle
Die Forderung nach mehr digitaler Unabhängigkeit kommt nicht nur aus der Politik. Laut dem Digital-Decade-Bericht sprechen sich 82 Prozent der befragten Europäer dafür aus, die Abhängigkeit von digitalen Technologien aus Nicht-EU-Staaten zu verringern. 85 Prozent befürworten Investitionen in Dienste, die in Europa entwickelt und kontrolliert werden.
Bemerkenswert ist außerdem, dass 58 Prozent bereit wären, zu einem europäischen Digitalanbieter zu wechseln, selbst wenn dieser etwas teurer wäre.
Das zeigt, dass Preis und Komfort nicht mehr die einzigen Kriterien sind. Kontrolle, Verfügbarkeit, Datenschutz und langfristige Unabhängigkeit gewinnen an Bedeutung.
Was kleine Unternehmen jetzt tun sollten
Unternehmen müssen nicht sofort alle vorhandenen Cloud- und KI-Dienste ersetzen. Sinnvoller ist es, zunächst die eigene Abhängigkeit sichtbar zu machen.
Dazu gehört die Frage, welche KI-Dienste bereits von Mitarbeitern genutzt werden, welche Daten dort eingegeben werden und welche Geschäftsprozesse ohne diese Dienste nicht mehr funktionieren würden. Ebenso wichtig ist die Prüfung, ob Ergebnisse und gespeicherte Inhalte exportiert werden können.
Bei neuen Lösungen sollten offene Schnittstellen, dokumentierte Exportmöglichkeiten und alternative Betriebsmodelle von Anfang an berücksichtigt werden. Wo besonders sensible Daten verarbeitet werden, können lokale KI-Modelle, europäische Hostingangebote oder selbst betriebene Systeme eine sinnvolle Ergänzung darstellen.
Fazit
Europas KI-Nutzung nimmt deutlich zu. Der technische Unterbau dieser Entwicklung liegt jedoch weiterhin zu großen Teilen außerhalb der Europäischen Union.
Für kleine Unternehmen ist das keine abstrakte geopolitische Diskussion. Es betrifft Preise, Datenschutz, Verfügbarkeit, Vertragsbedingungen und die Möglichkeit, später zu einem anderen Anbieter zu wechseln.
Digitale Souveränität bedeutet deshalb nicht, jede außereuropäische Technologie abzulehnen. Sie bedeutet, Abhängigkeiten zu kennen, Alternativen vorzubereiten und die Kontrolle über die eigenen Daten und Arbeitsabläufe nicht vollständig abzugeben.
Wer KI einsetzt, sollte nicht nur fragen, was das System heute kann, sondern auch, wie das Unternehmen morgen ohne diesen Anbieter weiterarbeiten könnte.
Originalquelle: Europäische Kommission, „State of the Digital Decade 2026: Closing structural gaps and mobilising investments for 2030 and beyond“, veröffentlicht am 17. Juni 2026; Übersichtsseite zuletzt aktualisiert am 3. Juli 2026.